Vor allem auf dem Land werden Angehörige der unteren Kasten stark diskriminiert: Dort werden 97 Prozent der rassistisch motivierten Straftaten gegen sie verübt.
Foto: Rajarshi MITRA/Flickr CC BY 2.0

 

Der Hinduismus als Erfindung der Moderne, die koloniale Erfahrung als Befreiung auf dem indischen Subkontinent und Staatsvater Mahatma Gandhi als Unterdrücker der unteren Kasten – die Philosophin Divya Dwivedi stellt kontroverse Thesen auf. Mit ihnen kreidet sie die Verfolgung religiöser Minderheiten sowie die Diskriminierung der Dalit durch die gegenwärtige indische Regierung an.

Von Salome Müller

Wikipedia; gemeinfrei
Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

2019 sorgte der Auftritt von Divya Dwivedi in einer Fernsehdebatte auf New Delhi Television für Aufregung. Die Philosophin, die als Assistenzprofessorin am Indian Institute of Technology in Delhi lehrt, wurde im Nachgang auf Twitter als „leichtsinnig“ bezeichnet. Sie solle „sich lieber mal hinsetzten und ihren Kopf ausruhen“, spottete etwa eine Sprecherin der Jugendorganisation der Partei von Premierminister Narendra Modi. Der Grund: Dwivedi hatte die uralte Herkunft des Hinduismus in Zweifel gezogen. „Die Hindu Religion wurde erst im 20. Jahrhundert erfunden“, sagte die indische Intellektuelle in der Debatte.

 

Kontraintuitive Erlösung

Der Hinduismus gilt gemeinhin als die älteste der fünf Weltreligionen. Doch abgesehen davon, dass die Existenz des „einen“ Hinduismus umstritten ist – es handelt sich vielmehr um eine Vielfalt unterschiedlicher Strömungen mit gemeinsamen Merkmalen wie dem Kastensystem – steht Dwivedi mit ihrer Aussage unter den zeitkritischen Denker*innen Indiens nicht allein. Bereits der Name „Hinduismus“ sei als Sammelbegriff für die Strömungen erst durch die britische Kolonialherrschaft um 1830 offiziell eingeführt worden.

In die gleiche Zeit fällt laut Dwivedi eine weitere Entwicklung: das Aufbrechen der Kastenordnung infolge der Kolonialisierung. In einem Gespräch, das Dwivedi im Oktober 2022 mit der Zeitung Asian Lite führte, erklärte sie diese befreiende Erfahrung für die Angehörigen der niedrigsten Kaste, für die Dalit: „Mit der britischen Herrschaft erhielten die Menschen der unteren Kaste das Recht, auf die Straße zu gehen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, Bildung zu erlangen, ihre Erwerbstätigkeit selbst
zu wählen, ihre Religion auszuüben und sich politisch zu engagieren.“

Intellektuelle wie die Philosophin Divya Dwivedi, die die hindunationalistische Ideologie der Regierung kritisieren, werden bedroht. Mehrere Aktivist*innen wurden im vergangenen Jahrzehnt ermordet, laut Dwivedi „ein Angriff auf die Zukunft“ Indiens.
Foto: N.K. Studios (photography) &Divya Dwivedi (copyright holder) /Wikipedia CC BY-SA 4.0

Eine gemeinsame Religion entsteht

Währenddessen verloren die höheren Kasten ihre Privilegien. Mittels der Unabhängigkeitsbewegung versuchten diese vormaligen traditionellen Eliten im 20. Jahrhundert, ihre Stellung zurückzugewinnen. Um ihren Dominanzanspruch über die anderen Kasten zu rechtfertigen, propagierten die Führer*innen der oberen Kasten, unter anderem Mahatma Gandhi, die Existenz einer gemeinsamen Religion.

Gandhi habe die Idee der Nation in Indien durch seinen gewaltlosen Widerstand, aber auch durch die Kombination von Politik und Religion geformt. Dabei machte er, wie Dwivedi 2019 gegenüber der indischen Nachrichtenseite The Wire erklärte, „taktische Anpassungen an der Kastenordnung, damit sie im modernen Staat gut funktionieren konnte“. Ein Jahr zuvor war Dwivedis Buch „Gandhi and Philosophy: On Theological Anti-politics“ (dt. „Gandhi und die Philosophie: Über theologische Antipolitik”) erschienen. Gemeinsam mit dem Philosophen Shaj Mohan unterzog sie darin Gandhis Kastendenken einer kritischen Betrachtung. Dwivedi und Mohan bescheinigten dem Übervater Indiens, er habe die Kaste als „Selbstreproduktion der Gesellschaftsordnung“ interpretiert und geglaubt, dieser Vorgang gehöre als „Essenz“ zur „Hindu Religion“.

 

Die Illusion der „Hindu-Mehrheit“

Unter dem Dach einer geteilten Religion fanden sich also alle Kasten in ihrer religiös begründeten Ordnung wieder. Die Angehörigen der oberen Kasten – nur ein kleiner Teil der Gesamtbevölkerung – verschleierten ihre Minderheitsherrschaft durch die Schaffung einer „Hindu-Mehrheit“. Sie übernahmen die Machtpositionen in dem vom Kolonialismus geschaffenen Staat und seinen Institutionen. Bis heute dominieren sie ihn: Sie besetzen beispielsweise mehr als die Hälfte der öffentlichen Ämter, obwohl sie nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Wie groß die Anteile der verschiedenen Kasten in Indien genau sind, lässt sich nicht sagen. Die letzte vollständige Volkszählung wurde 1931 von der Kolonialverwaltung durchgeführt. Damals betrug der Anteil der unteren Kasten, OBCs (Other backwards classes; dt. „andere zurückgebliebene Klassen“) genannt, 52 Prozent. Laut einem Beitrag in der französischen Tageszeitung Le Monde vom Februar 2022 gehören dazu hauptsächlich die indigenen Adivasi, die Dalit und die nächsthöhere Kaste der Shudras. Zuletzt wurde 2011 der Versuch einer neuen Volkszählung gestartet. Er wurde jedoch 2014 abgebrochen, als Modi und seine Partei, die Bharatiya Janata Party, die Regierungsführung übernahmen.

Schon das Tragen eines Schnurrbarts als Dalit kann dazu führen, von Angehörigen höherer Kasten verprügelt zu werden. Denn die Gesichtsbehaarung ist ein altes Privileg dieser, wird aber mittlerweile auch von den unteren Kasten als Zeichen des Protests getragen.
Foto: David Brossard/Flickr CC BY-SA 2.0

Hinduismus als politisches Totschlagargument

Das Geheimnis um die wahren Kastenproportionen innerhalb der sogenannten „Hindu-Mehrheit“ spielt der hindunationalistischen Regierung Modi in die Hände. Gegenüber Le Monde sagte Dwivedi: „Die Erfindung einer Scheinmehrheit der Hindus hat die religiösen Minderheiten – Muslime, Sikhs und Christen – zu Feinden im Inneren gemacht. Die religiöse Polarisierung ging mit der Verfolgung von Minderheiten einher, um zu verbergen, dass die wahre Mehrheit Indiens aus den unteren Kasten besteht.“ So werde von der großen sozialen Ungleichheit abgelenkt. Pogrome gegen religiöse Minderheiten und Dalit geschähen mit dem stillen Einverständnis des Staats.

Heute ereignet sich nach Angaben der Plattform National Campaign on Dalit Human Rights (dt. „Nationale Kampagne für die Menschenrechte der Dalit“) alle 18 Minuten ein Verbrechen an einer*m Dalit aufgrund der Kastenzugehörigkeit. Besonders in den ländlichen Gebieten sind die Diskriminierung und Gewalt hoch. Pro Woche werden durchschnittlich dreizehn Dalit aus rassistischen Motiven ermordet. Tendenz steigend.

 

[Die Autorin]
Salome Müller arbeitet bei der Zeitschrift „Für Vielfalt“ und studiert Weltliteratur an der Universität
Göttingen.



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